Agrargüter reagieren empfindlich auf klimatische Extreme. Dabei wirkt sich der Klimawandel eher mittelfristig aus. Wüsten wachsen. Flüsse trocknen aus. Ein Wetterphänomen hat aber immer ganz unmittelbare Konsequenzen: El Niño und La Niña. Die beiden Begriffe aus dem spanischen bedeuten übersetzt so viel wie „der Junge“ und „das Mädchen“. Gemeint sind damit die Wasseroberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik. Das Klimaphänomen an sich wirkt sich normalerweise nur marginal auf das Wetter aus. Im letzten Jahr, und auch zum Jahresbeginn ist das allerdings anders. Die Ausprägung von La Niña ist so stark wie seit vierzig Jahren nicht mehr. Die Westseite des Pazifiks zeigt zusätzlich dazu positive Abweichungen bei den Wassertemperaturen, was durch erhöhte Verdunstung Unwettern und Wolkenbrüchen Vorschub leistet, beschreit Udo Baum, Metorologe bei Wetter.net.
La Niña brachte sintflutartige Regenfälle nach Australien, Indonesien, Brasilien und Kolumbien und Dürre nach Kalifornien, China, Kasachstan und in den Süden der USA. Der NASA-Klimatologe Bill Patzert warnt in einem Interview mit „The Telegraph“ davor, dass La Niña in diesem Jahr noch länger anhalten könnte, als gedacht. Eigentlich geht der Konsens, der maßgeblich vom australischen Wetterbüro geprägt wird, von einem Ende La Niñas im April 2011 aus. „Die durchschnittliche Lebensdauer von La Niña deutet darauf hin, dass es nur noch wenige Monate sind – aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es noch viel länger andauert“, meint Patzert.
Die wichtigen Agrarregionen hoffen auf besseres Wetter in diesem Jahr, um endlich die dezimierten Lagerbestände wieder auffüllen zu können. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen stellte im Dezember 2010 schon einen neuen weltweiten Rekordpreis für Nahrungsmittel über ihren Nahrungsmittelindex fest. Verlängert sich La Niña und kommt es zu neuen Missernten, werden die Preise ihren sprunghaften Anstieg auch in diesem Jahr fortsetzen.
Gummi kostet in Asien so viel, wie nie zuvor, nachdem Überflutungen in Thailand zu einer Verknappung des lieferbaren Angebots führten. Thailand ist der weltgrößte Exporteur von Gummi, das in einer Vielzahl von Fertigungsprozessen verwendet wird. Besonders hoch ist die Gumminachfrage aus China und Indien, wo die Automobilindustrie boomt. Das Wetter könnte sich in den südlichen Gummianbauregionen noch weiter verschlechtern, glauben lokale Wetterbüros.
Heftiger Dauerregen macht auch in Brasilien wenigen Hoffnungen, dass sie mit Früchten, Kaffee und Getreide eine gute Ernte einfahren werden. In Sao Paulo fiel die Produktion von Kopfsalat, Brokkoli, Brunnenkresse und Blumenkohl um 20%, was die Preise für alle Gemüsesorten um durchschnittlich 60% ansteigen ließ. In Chile bricht die Avocado-Ernte weg, weil es einfach nicht regnet. In vielen Gegenden Chinas hat es schon seit vier Monaten nicht mehr geregnet. Die für den Getreideanbau wichtige Provinz Shandong hat wegen der Dürre für mindestens die Hälfte der Anbaufläche, zwei Millionen Hektar, kein Wasser mehr zur Verfügung. Der Sommerweizen auf einer Fläche von rund 350.000 Hektar sei schon verdorrt oder stehe kurz davor. In Australien überfluteten durch La Niña ausgelöste Springfluten fast einen ganzen Bundesstaat – die Hälfte der Weizenernte kann nur noch zu Futtermittel verarbeitet werden. In Europa muss in diesem Jahr wohl auf die süßesten Rosinen verzichtet werden. Die weltweit beste Qualität von Sultaninen kommt aus Südafrika, wo seit Wochen Felder unter Wasser stehen. Auch Mais- und Sonnenblumenkerne sind beeinträchtigt. Insgesamt stehen 20.000 Hektar Felder unter Wasser – eine Katastrophe für Südafrika. „Wir erwarten einen scharfen Rückgang im Export und verminderte Qualität von Früchten und Getreide. Landesweit konnte nicht mal die Hälfte aller Exportfrüchte und Getreidesorten geerntet werden”, erklärt der Wirtschaftsexperte der landwirtschaftlichen Union Agri SA, Dawie Maree, in Pretoria.
Auf der Angebotsseite ist bis zum dritten Quartal 2011 keine Entspannung zu sehen, erst dann wird die Ernte der Länder aus der nördlichen Hemisphäre eingefahren. In der Zwischenzeit bestimmt die steigende Nachfrage die Preisgestaltung. Die Entwicklung könne dazu führen, dass einige Länder, wie bereits 2008, über Exportbeschränkungen bei Agrargütern nachdenken werden. Dies führt nur in Ausnahmefällen zu wieder fallenden Inlandspreisen, aber in den meisten Fällen zu weiterer Verknappung auf dem Weltmarkt und damit zu weiter steigenden Preisen.
Doch nicht nur die Landwirtschaft wird durch das Extremwetter in Mitleidenschaft gezogen. Auch der Bergbau klagt. In Australien haben Überflutungen von Kohlebergwerken zu einem Umsatzausfall von 1,7 Milliarden Euro geführt. Die Industrie fürchtet jetzt höhere Steuern, die die Regierung wegen den hohen Kosten des Wiederaufbaus verabschieden könnte.
Inflation ist eine echte Gefahr für die Weltwirtschaft. Sie könnte die Zentralbanken dazu zwingen, die Zinsen früher als erhofft wieder zu erhöhen, was die Konjunkturerholung gefährden würde. Das kleine Kind könnte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Autor: Jochen Stanzl – Chefredakteur Finanznachrichten BoerseGo.de
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Jochen Stanzl,
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