WIEN / DÜSSELDORF (Dow Jones) - Immer mehr Wirtschafts- und Finanzexperten warnen Griechenland vor einem Austritt aus der Eurozone. In einem Interview in der am Montag erscheinenden Ausgabe des österreichischen Nachrichtenmagazins "profil" betont der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, dass er ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro für "die schlechteste Option" hält. Der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, sagte der "Rheinischen Post", "der Konsum und die Investitionstätigkeit in Griechenland würden einbrechen und die Arbeitslosigkeit würde rapide zunehmen".
"Ich kann mir so etwas ganz und gar nicht vorstellen. Jede einzelne Regierung im Euro-Raum hat bereits deutlich gemacht, dass sie dies für kein geeignetes Mittel hält, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen", so Trichet weiter. Überlegungen, durch höhere Inflation die Verschuldung von EU-Staaten abzubauen und Wachstum zu gerieren, lehne er ab. "Vielmehr wird die Solidität des Wirtschaftswachstums durch eine zu hohe Inflationsrate unterminiert. Nur Wachstum in Zusammenhang mit Preisstabilität hilft uns langfristig weiter."
Trichet verteidigt weiter die hohen EZB-Darlehen an europäische Banken im Umfang von einer Billion Euro. "Es geht darum, sowohl den Banken als auch den Regierungen Zeit zu verschaffen, sich neu aufzustellen. Wir erleben in Europa derzeit die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, die im Falle falscher Entscheidungen auch zu einer großen Depression und damit zur schlimmsten Krise seit dem Ersten Weltkrieg hätte führen können."
"Viele griechische Sparer verlören große Teile ihres Vermögens. Insgesamt gesehen kämen die Griechen bei einem Austritt aus der Währungsunion zumindest kurz- und mittelfristig sprichwörtlich vom Regen in die Traufe", führte der Chef des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), Franz, weiter aus. Die große Mehrheit der Griechen wolle im Euro bleiben. „Dann muss dem griechischen Wahlvolk aber verdeutlicht werden, dass dies nur möglich ist, wenn die Vereinbarungen über die Reformen eingehalten werden, die Griechen also bei den Wahlen im Juni über einen Verbleib in der Währungsunion abstimmen", sagte Franz.
Die Euro-Zone dagegen würde bei einem Ausscheiden Griechenlands zwar hohe Abschreibungen vornehmen müssen, auch seien negative Domino-Effekte in anderen Ländern nicht auszuschließen. "Allerdings hätten diese Ansteckungseffekte nicht mehr so dramatische und unkalkulierbare Folgen wie vor zwei Jahren, weil mit den Rettungsschirmen hohe Brandmauern errichtet wurden und das europäische Bankensystem heutzutage etwas stabiler da steht als seinerzeit", sagte Franz.
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