Schweizer Kuh als modernes Tamagotchi

Kategorie: Kreuz&Quer - Lifestyle & Lebensart | Datum: 08.08.2010

Alpentouristen aus der Stadt mit Faible für die Landwirtschaft können sich eine eigene Kuh leasen.

Der Mensch, vor allem der rastlose und hektische, wie z.B. Städter oder Trader, braucht einfach einen Ruhepol. Etwa langsames. Aber auch etwas, um das er sich kümmern kann. Eine kleine Aufgabe muss es schon sein. Vor rund 20 Jahren gab es das Tamagotchi. Eine Minispiel am Schlüsselanhänger, bei dem man sich um ein virtuelles Tier zu kümmern hatte. Es kam bei Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen an.

Auf die Kuh gekommen als neues Geschäftsmodell (Bild: Mavachamoi.ch)

Der Erfolg war seinerzeit so gigantisch, dass Chiphersteller ihre Fertigungslinien für Spielehersteller wie z.B. Bandai umstellten, und Industriekunden mit längeren Lieferzeiten vertrösteten. Der Tamagotchi-Nachfolger heute hängt nicht mehr am Schlüsselbund. Es ist beispielsweise das Spiel Farmville, das auf Facebook läuft – und Facebook wiederum läuft auf vielen Smartphones. Und so ein Gerät nennt ein moderner Trader heute ohnehin sein eigen.

Aber es geht auch non-virtuell. Reales Leben ist angesagt. Alpentouristen aus der Stadt mit Faible für die Landwirtschaft können sich eine eigene Kuh in der Schweiz leasen. Seit nunmehr fünf Jahren vergeben Bauern im Kanton Waadt Patenschaften für Kühe. Die Leasingdauer beträgt typischerweise einen Monat. Kostenpunkt 180 CHF. Freilich ist auch die Buchung für eine ganze Saison möglich. Preislich schlagen die vier Monate dann mit 380 CHF (ca. 280 EUR) zu Buche.

Und die Vorteile eines solchen Kuh-Leasings? Also die Kuh gehört wirklich Ihnen. Und zwar eben eine ganz bestimmte, die man sich für die Dauer einer Saison oder eines Monats aussuchen kann. Die Kuh müssen Sie betreuen. Während der Leasing-Dauer fallen natürlich Alpkäse und andere Farmprodukte an, die dürften Sie dafür zu einem Vorzugspreis erwerben. Wobei: 10 kg Alpkäse muss der vorübergehende Kuh-Besitzer mindestens im Monat abnehmen. Steht so im Leasingvertrag.

Und arbeiten müssen die Leasing-Nehmer auch – mindestens vier Stunden in Monat. »Versessene können mehr machen«, unken die Anbieter auf der dazugehörigen Informations- und Kontakt-Website Mavachamoi.ch. (Der Name der Website leitet sich aus »ma vache à moi« ab, französisch für »Meine eigene Kuh«.) Wer sich nicht traut, bei der Kuh direkt Hand anzulegen, darf auch die Herde zusammenhalten, Holz hacken, Heu einsammeln oder bei der Herstellung von Käse helfen.   Vor fünf Jahren hat Michel Izoz die Kuhpatenschaften ins Leben gerufen. Vor allem bei jungen Städtern sind sie nach seinen Worten sehr beliebt. Die meisten Patenschaften werden demnach verschenkt. Städter erleben seiner Meinung nach so den Kontrast der »stressigen Stadtwelt mit dem harten Leben in den Bergen«.

Vom virtuellen Tamagotchi zur realen Kuh – Retrotrend einmal anders. Und findige schweizer Bauern verdienen sogar noch an dem pfiffigen Geschäftsmodell daran. (eh

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Über den Autor:

Engelbert Hoermannsdorfer,
Kolumnist

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