Russland plant eigenes PC-Betriebssystem

Kategorie: Kreuz&Quer - Technologie & Produkte | Datum: 06.05.2011

Russland will sich von US-amerikanischen Technologien unabhängiger machen – Rusnano verfolgt ähnliches Ziel im Bereich Nanotechnologie.

Russland sind US-amerikanische Technologien wie z.B. das PC-Betriebssystem zunehmend suspekt. Pläne für ein eigenes russisches PC-Betriebssystem gab es schon länger, aber nun genießt die »Nationale Programm-Plattform« allerhöchste Priorität bei der Modernisierung der russischen Wirtschaft, berichtet die Moskauer Wirtschaftszeitung »Wedomosti«.

Woher kommt der Virus? Eingefangen? Oder bereits im PC-System enthalten? (Bild: Symantec)

Das zum Staatskonzern Rostechnologii gehörende Unternehmen Sirius wurde nun von der russischen Regierung mit der Umsetzung des Projekts konkret beauftragt. (Rostechnologii arbeitet übrigens sehr gerne auch mit der deutschen Wirtschaft zusammen.) Das russische PC-Projekt soll auf dem Open-Source-Projekt Linux basieren. Und es wird eine bemerkenswerte Eile an den Tag gelegt: Die ersten Software-Produkte sollen schon Ende 2011 auf den Markt kommen.

Ob das klappt, darf zwar hinterfragt werden. Aber möglicherweise haben seit dem Betriebssystemärgernis beim Apple iPhone 4 nicht nur Endanwender weltweit, sondern auch Regierungsstellen erkannt: Einen Virus oder Trojaner oder sonstigen Schädling fängt man sich nicht nur auf präparierten Webseiten oder durch Spam-E-Mails ein – nein, der Trojaner ist das Betriebssystem bereits selbst.

Wie berichtet, gibt es im Betriebssystem des iPhone 4 ein Stück Software, das alle Bewegungsdaten des Nutzers mitverfolgt und speichert. Profis konnten dadurch ein Bewegungsprofil des Anwenders erstellen. Viele Apple-Smartphone-Besitzer sind geschockt, dass sie ganz legal und unwissentlich einen Verfolgungsspion in der Hosentasche mit sich trugen. Zwar veröffentlichte Apple mittlerweile ein Update, das das Speichern der Bewegungsdaten einschränkt und verschlüsselt – aber wer weiß schon, ob der Bewegungs-Tracker mit dem nächsten Update nicht unwissentlich wieder angeworfen wird.

»Zu dem von Sirius geleiteten Konsortium gehören bereits etwa 130 Firmen, die russische Software für das gesamte Spektrum der modernen Elektronik – von Mikrochips bis hin zu Supercomputern – entwickeln werden«, sagte Sirius-Generaldirektor Leonid Uchlinow. Bereits im Dezember 2010 hatte Russlands Regierungschef Wladimir Putin einen Plan zur Umstellung staatlicher Strukturen auf Software auf der Grundlage offener Quellcodes bestätigt. Das Vorhaben soll bis 2015 unter Dach und Fach sein, schrieb Wedomosti damals.

Zwar schreiben etliche Nachrichten-Websites, dass unsere osteuropäischen Nachbarn mit dem eigenen Betriebssytem internationalen Computer-Giganten wie Microsoft Konkurrenz machen wollen. Das dürfte aber wohl nur ein Nebeneffekt sein. Es dürfte indes eher damit zusammenhängen, dass sich Russland generell von US-amerikanische Technologien unabhängiger machen will.

Diese Entwicklung ist beispielsweise auch auf dem Nanotechnologie-Sektor zu beobachten. Russland hat diese Technologie als strategisch bedeutsam erklärt. Hier gibt es beispielsweise die mit umgerechnet rund 10 Mrd. USD (!) kapitalisierte russische Aktiengesellschaft Rusnano, die aus dem Staatsunternehmen Russian Corporation of Nanotechnologies hervorging. Rusnano wurde 2007 gegründet, im März 2011 wurde sie in eine russische Aktiengesellschaft (Joint-Stock Company) firmenrechtlich neu aufgestellt. Aufgabe des Unternehmens ist die aktive Förderung der russischen Nanotech-Industrie durch Co-Investitionen in nanotechnologische Projekte mit umfangreichem wirtschaftlichem Potenzial oder gesellschaftlichen Nutzen.

Rusnano investiert heftig in Nanotech-Firmen außerhalb Russlands, um die Aufholjagd zu beschleunigen. Anfang des Jahres beteiligte man sich beispielsweise mit 25% an Plastic Logic, einem britisch-amerikanischen Chiphersteller. Bis zu 650 Mio. USD sollen in das Unternehmen schrittweise fließen. Plastic Logic forscht an einer neuen Generation von Transistoren. Bedingung des Deals: Plastic Logic muss eine Fabrik in der Nähe von Moskau errichten. Rusnano soll dafür sorgen, dass bis ca. 2015 der russische Nanotech-Markt rund 30 Mrd. USD schwer sein soll.

Rusnano ist auch in Deutschland aktiv. Erst in diesen Tagen beteiligten sich die Russen mit 25% an der ItN Nanovation AG im Rahmen einer Kapitalmaßnahme. Vor wenigen Wochen bekam die Nanostart AG die Ehre, für Rusnano einen mit 50 Mio. Euro ausgestatteten Venture-Capital-Fond zu managen. Nanostart soll die Gelder dieses Fonds in besonders vielversprechende Nanotech-Startups in Russland investieren, sagte Nanostart-Vorstand Marco Beckman in einem Interview.

Nanotechnologie ist nicht nur in Russland zur strategischen Zukunftstechnologie auserkoren worden. Auch in Singapur ist die Regierung seit Jahren daran, diese Technologie massiv zu fördern. (eh)

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Über den Autor:

Engelbert Hörmannsdorfer,
Kolumnist

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