Von Andreas Hoose
Ungemütlich ist es geworden an den Börsen. Während die Anleger vor Kurzem noch die bevorstehende Jahresendrallye gefeiert haben, macht sich zunehmend Ernüchterung breit: Die Anzeichen einer wirtschaftlichen Abkühlung in den USA mehren sich, und so langsam zeigt sich das auch in den Aktienkursen. Dort wird das Ganze jetzt „eingearbeitet“, wie es so schön heißt.
Nun wird deutlich, dass die wenigen warnenden Stimmen, die bei einem DAX-Stand von 8.000 Zählern gewagt hatten, auf die zahlreichen Risiken hinzuweisen, gar nicht so Unrecht hatten: Die Neuigkeiten die zuletzt von der US-Hypothekenkrise gemeldet wurden, vom Arbeitsmarkt oder aus dem Immobilien-Sektor, die fielen nicht so schlecht aus wie von vielen erwartet. Sie fielen noch viel schlechter aus...
Selbst angesehene und vermeintlich grundsolide Versicherungskonzerne wie eine Swiss Re sorgen plötzlich für überraschend negative Schlagzeilen: Der Schweizer Rückversicherer, einst als Hort der Stabilität und Sicherheit gerühmt, hatte am Montag einen unerwarteten Verlust in Höhe von 1,2 Milliarden Schweizer Franken eingeräumt. Gar nicht zu reden von US-Finanzhäusern wie Citigroup oder Merrill Lynch, die dramatische Gewinneinbrüche und Abschreibungen im zweistelligen Milliarden-Bereich beichten müssen.
Und es sieht ganz danach aus, als würden die Verwerfungen an den Finanzmärkten jetzt auch auf andere Sektoren übergreifen: Die Kreditkrise, der immer weiter steigende Ölpreis und der taumelnde US-Dollar haben die Konjunkturerwartungen in Deutschland massiv verschlechtert: Der ZEW-Index, der monatlich durch eine Umfrage bei institutionellen Anlegern und Analysten ermittelt wird, ist im November auf den niedrigsten Stand seit 14 Jahren eingebrochen. Dazu später mehr.
Einer der größten Risikofaktoren für die Aktienmärkte ist derzeit die US-Wirtschaft. Zur exorbitanten Verschuldung kommen steigende Rohstoffpreise, stagnierende Löhne, fallende Immobilienpreise und eine jetzt wieder restriktivere Kreditvergabe.
„Alten Hasen“ unter den Börsianern kommt das bekannt vor: Der Zustand der US-Wirtschaft erinnert an Japan Anfang der 1990er Jahre: Rückläufige Inlandsnachfrage, fallende Zinsen, eine schwache Währung und ein starker Export - der letztlich aber nicht verhindern konnte, dass Japan in eine schwere Wirtschaftskrise abrutschte.
Im Antizyklischen Börsenbrief hatten wir unsere Leser seit dem Sommer immer wieder auf die Möglichkeiten einer Rezession in den USA hingewiesen und aufgrund zahlreicher Warnsignale zu Zurückhaltung geraten. Jetzt, da immer offensichtlicher wird, dass unsere Vorsicht begründet war, zahlt es sich aus, hohe Cash-Bestände zu halten.
Die jüngste Talfahrt der Aktienkurse ist der Tatsache geschuldet, dass die Signale, die auf eine Rezession hindeuten, mittlerweile nicht mehr zu übersehen sind: Nehmen wir etwa den US-Arbeitsmarkt. Die folgende Grafik veranschaulicht den Zusammenhang zwischen der zeitlichen Dauer der Arbeitslosigkeit und einer aufkommenden Rezession:

Wie die Abbildung zeigt, steht die Dauer der Erwerbslosigkeit in unmittelbarem Zusammenhang mit sinkender Wirtschaftsaktivität, was ja auch logisch ist: Rutscht die Wirtschaft in eine Rezession, dann sind die Menschen immer länger ohne Job, die Linie steigt an.
Es fällt auf, dass seit 1948 ausnahmslos jeder starke Anstieg der zeitlichen Ausdehnung der Arbeitslosigkeit mit einer Rezession verbunden war, ersichtlich an den senkrechten grauen Balken. Sieht man sich den Teil der Grafik in der schwarzen Markierung ganz rechts an, dann stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob wir eine Rezession in den USA bekommen werden – wir sind bereits mittendrin.
Bedenkliche Signale kommen seit ein paar Tagen auch von einigen Industriemetallen. Nehmen wir beispielsweise Kupfer: Das am häufigsten verarbeitete Basismetall ist einer der treffsichersten Indikatoren für die wirtschaftliche Aktivität. Sinken hier die Preise, deutet dies auf ein Abflauen der weltweiten Konjunktur hin. Erst in dieser Woche hat der Kupferpreis eine wichtige Unterstützungszone bei 6.700 US-Dollar je Tonne unterschritten. Der Kursverlauf über ein Jahr zeigt jetzt ein sehr markantes dreifaches Topp. Mit einem Trend in die andere Richtung ist hier vorerst nicht mehr zu rechnen:

Auf den Chart klicken, um Kupfer selbst zu analysieren!
Leider ist das noch nicht alles: So wie die Dinge liegen, sind die Vereinigten Staaten gerade dabei, in eine ungemütliche Gemengelage aus Rezession und Inflation zu rutschen. Ein Blick auf Dollar, Öl und Gold genügt, um sich dessen bewusst zu werden.
Besonders interessant könnte es in Kürze wieder beim Gold werden. Ein wichtiger Indikator für die Entwicklung des Goldpreises ist der Realzins. Diese Rendite erhält der Anleger, wenn er sein Geld in kurzfristigen Staatsanleihen anlegt und davon die Inflationsrate abzieht.
Goldinvestments, die selbst ja keine Zinsen abwerfen, sind natürlich immer dann am sinnvollsten, wenn steigende Inflationsraten für eine negative Realverzinsung sorgen, Staatsanleihen also unattraktiver werden. Bei Anlagen in US-Dollar notiert dieser Wert aktuell nur noch bei 0,5 Prozent, Tendenz fallend. Der Grund: Wegen der Rezessionsgefahren dürfte die Fed auch bei der nächsten Sitzung im Dezember die Zinsen weiter senken.
Damit ist schon sehr bald mit einer negativen Realverzinsung zu rechnen, dem Goldpreis, und auch dem Silberpreis, könnte das Flügel verleihen...
Die gute Nachricht...
Die Frage, die sich jedoch stellt: Was machen eigentlich die Aktienkurse in Phasen einer Rezession? Die Analysten von Lehman Brothers haben herausgefunden, dass die Aktienmärkte in wirtschaftlichen Schwächephasen sowohl große Kurseinbrüche wie auch markante Kurserholungen zeigen.
Die gute Nachricht zuerst: Die Kurszuwächse ein Jahr nach dem Tiefpunkt lagen beim S&P 500 im Durchschnitt bei 38 Prozent. Und die schlechte: Im Zuge einer Rezession büßten die Aktienkurse im Durchschnitt 25 Prozent ein.
Rechnen wir also: Das jüngste Hoch markierte der S&P 500 ziemlich exakt bei 1.575 Punkten. Eine „durchschnittliche“ Korrektur könnte den Index daher in den Bereich von 1.200 Zählern abtauchen lassen. Bis dorthin ist es noch ein ganzes Stück, wie die folgende Grafik zeigt:

Es sei jedoch angefügt, dass sich rezessionsbedingte Kursverluste in der Vergangenheit über eine Bandbreite von zehn bis 44 Prozent erstreckten. Die Mindestkorrektur würde also im Bereich von etwa 1.420 Punkten liegen. Dort ist der Index bereits angekommen.
Doch wie sich die Sache derzeit präsentiert, ist das wohl noch nicht das Ende. Gegen eine Wende zum jetzigen Zeitpunkt spricht schon die recht ausgewogene Stimmungslage: In den USA liegt der Anteil der Bullen in etwa auf dem gleichen Niveau, wie der Pegel bei den Pessimisten:

Als antizyklisch agierende Anleger wollen wir einen klaren Überhang der Bären sehen, bevor wir uns wieder in größerem Stil engagieren. Am liebsten wären uns einige Tage mit dramatisch fallenden Kursen, eine echte Panik, bei der die Anleger scharenweise die Flucht ergreifen.
Das Verrückte ist nämlich folgendes: Wenn alle Welt den Untergang heraufbeschwört, genau in diesem Moment fangen die Kurse wieder an zu steigen, das ist auch mitten in einer Rezession so. Doch von Panik war bislang nichts zu sehen. Vielleicht bringt schon die kommende Woche weitere Erkenntnisse, wenn in den USA nach Thanksgiving wieder regulär gehandelt wird.
Dass es derzeit noch zu früh ist für einen beherzten Einstieg, das zeigt unser langfristiger Trading-Indikator: Legt man den gleitenden 13-Tage-Durchschnitt und den 34-Tage-Durchschnitt übereinander, erhält man aus dem Schnittpunkt der beiden Linien einen sinnvollen Einstiegszeitpunkt für längerfristige Engagements. Derzeit steht das Barometer noch klar auf „verkaufen“ (rote Markierung). Im unteren Teil der Grafik ist der Kursverlauf an der Nasdaq abgebildet.

Und damit noch einmal zurück zum eingangs erwähnten ZEW-Indikator: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Stimmungsextreme beim ZEW ein hervorragender Kontra-Indikator sind: Seit Beginn der 1990er Jahre folgte auf Tiefpunkte bei diesem Stimmungsbarometer in vier von fünf Fällen einige Wochen später eine deutliche Erholung an den Aktienmärkten. Einzige Ausnahme war das Jahr 2001, als die Kurse wegen des 11. September in die Tiefe rauschten.
Allzu lange dürfte es daher nicht mehr dauern, bis wieder echte Einstiegskurse vorliegen. Achten Sie jetzt auf die Schlagzeilen in den reichweitenstarken Medien. Wenn dort von Rezession, oder noch besser von „Weltwirtschaftskrise“ die Rede ist, dann ist es an der Zeit, zuzugreifen.
Erste Ansätze sind bereits zu erkennen. Erst in dieser Woche war mir beim Börsensender n-tv ein Börsenkommentator aufgefallen, der mit betrübtem Blick in die Kamera meinte: „So schlimm wie 1929 wird es wohl nicht werden“.
Wir sagen: Wenn der gleiche Kommentator mit angsterfüllter Stimme warnt, dass alles noch viel schlimmer werden wird, spätestens dann ist die Zeit reif...
Wie wir die Lage jetzt einschätzen und was wir unseren Lesern raten, das lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die kürzlich erschienen ist.
Anmeldungen unter www.antizyklischer-börsenbrief.de
Zum Autor:
Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-börsenbrief.de und http://www.antizyklischer-aktienclub.de.
Jochen Stanzl,
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