Berlin (BoerseGo.de) - Die Niedrigzinspolitik der weltweiten Notenbanken ist als Nährboden für die nächste Finanzkrise zu bezeichnen. Davor drücken gemäß einem Bericht des “Handelsblatts” führende Volkswirte ihre Sorge aus. Aus langfristig künstlich niedrig gehaltene Leitzinsen dürften unter Berufung auf den Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland Thorsten Polleit Probleme resultieren. So etwa durch den Umstand, dass sich das wirtschaftliche Umfeld an das niedrige Zinsniveau gewöhnt. Eine Umkehr zu höheren Zinsen könnte mit einem großen Schreck verbunden sein. Dann würden viele Investitionen nicht mehr als rentabel gelten. Zudem hätten viele Investitionen nicht in stabilen Ertragsaussichten sondern in den niedrigen Zinsen ihre Grundlage. Durch künstlich niedrige Zinsen sinke weiters die Sparquote und komme es zur Verzerrung der wirtschaftlichen Produktionsstruktur. Zur Vermeidung von Produktionsverzerrungen müsse die EZB den Leitzins auf etwa zwei Prozent anheben. Der Eingriff in den Kernbereich der Marktwirtschaft führe am Ende zu einem Kollabieren der Konjunktur. Über den Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbanken finde eine zusätzlichen Manipulation statt, da dadurch das langfristige Zinsniveau eine Drückung erhält. Trotz des rückläufigen Staatsanleiheankaufs gebe es die Erwartung, das die Notenbanken im Bedarfsfall immer wieder in den Markt zurückkehren.
Mit dem früheren Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) William R. White warnt ein weiterer Experte vor den negativen Konsequenzen der weltweiten Niedrigzinspolitik. Mittelfristig würden daraus erhebliche Kosten hervorgerufen. Der derzeit für die OECD tätige White warnte bereits 2006 vor einer möglichen Finanzkrise. Damals sind seine Befürchtungen auf Ignoranz gestoßen. Zudem habe die BIZ aus Sorge wegen einer möglichen Unruhe an den Finanzmärkten eine entsprechende Veröffentlichung verweigert. Die BIZ lernte nun aus ihren Fehlern, indem in deren jüngsten Jahresbericht den Risiken der Niedrigzinspolitik ein ganzes Kapital gewidmet worden ist. Darin heißt es, dass die anhaltende Niedrigzinsstrategie zu ständig steigenden Kosten führt. Die Erfahrung lehre, dass längere Phasen ungewöhnlich niedriger Zinsen mit einer Verzerrung der Bewertung von Finanzrisiken einhergehen. Weiters komme es dadurch zu einem schädlichen Streben nach Rendite sowie zu einer Verzögerung bei Bilanzanpassungen. Darüber hinaus würden sich Renditedifferenzen zwischen Staaten einstellen. Dadurch komme es zu ungerechtfertigten Kapitalflüsse in Staaten mit hohen Zinssätzen. Diese Nebenwirkungen gefährden die langfristige Stabilität des Finanzsystems. Es erfolgte zudem die Anmerkung, dass die Auslösung der aktuellen Finanzkrise unter anderem auf das Konto der niedrigen Zinsen zu Beginn dieses Jahrzehnts geht.
Die EZB denkt eher nur kurz-und mittelfristig, indem diese mit niedrigen Zinsen die Abwärtsrisiken für die Wirtschaft zu minimieren versucht. Dies erklärte der Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen. Über niedrige Zinsen versichere sich die EZB gegen wirtschaftliche Abwärtsrisiken. Diese Versicherung berge aber das Risiko neuer Übertreibungen bei Vermögenswerten sowie Inflationsgefahren. Im Falle einer ungünstigen Entwicklung müsse die EZB den Leitzins demnächst kräftig anheben, heißt es weiter von Solveen.

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