Berlin (BoerseGo.de) - Der Chef-Währungsstratege Hans Redeker von BNP Paribas sieht für den Euro wegen der steigenden Staatsschuldenkrise in Südeuropa noch massives Abwärtspotenzial. Wie dieser gegenüber dem “Handelsblatt” erklärte, bleibt der Euro vermutlich unter Druck. Nur kurzfristig sei die Spekulation nach unten etwas heiß gelaufen, so dass eine Gegenbewegung möglich ist. Fundamental betrachtet spreche jedoch alles für weitere Verluste der Gemeinschaftswährung. Sein Kursziel liege für Jahresende bei 1,27 Dollar je Euro. Den fairen Wert des Euro sieht er bei 1,17 Dollar. Bei 90 Cents entstünde eine Unterbewertung.
Die fiskalischen Probleme in Griechenland, Portugal und Spanien würden die Europäische Union und in der Folge die betroffenen Staaten zu einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik zwingen. Die Regierungen müssten sowohl ein deutliches Augenmerk auf ihre Defizite richten, als auch die internationale Konkurrenzfähigkeit erhöhen. Eine solche Strategie erfordere niedrigere Lohnstückkosten. Daraus resultiere ein deflationärer Schock, wodurch wiederum der Euro unter Druck gerät. Die Europäische Zentralbank (EZB) könne es sich wegen der Probleme und drohenden Deflation nicht leisten die Zinsen anzuheben. Während in anderen Regionen die Zinsen bereits wieder steigen stehe die EZB vor einer Phase der Handlungsunfähigkeit. Dies könne dem Euro nur schaden. Ein niedriger Euro-Kurs liege jedoch insgesamt im Interesse der Staatengemeinschaft, zumal dadurch die internationale Exportfähigkeit von Ländern der Eurozone steigt. Voraussetzung für das Gelingen dieser Strategie sei jedoch ein mitspielen der Amerikaner und Asiaten. Die Amerikaner müssten sich in den nächsten Jahren stabilisieren. Dies gelte vor allem hinsichtlich der Refinanzierung von Hypothekenverbindlichkeiten. Wenn die Amerikaner vor der Wahl stünden zwischen steigenden Zinsen und einem relativ stärkeren Dollar würden diese sich mit ziemlicher Sicherheit für Letzteres entscheiden.
Redeker hält einen Staatsbankrott für Griechenland als überaus unwahrscheinlich, obwohl der Markt eine 10 Prozent-Wahrscheinlichkeit für einen Bankrott einpreiste. So etwas könne sich niemand leisten. Die Euro-Staaten würden alles entsprechende unternehmen, um ein derartiges Szenario zu verhindern. Er rechne aber nicht mit einer Rettungsaktion. Am wahrscheinlichsten sei die Auferlegung eines extremen Zwangs zum Sparen. Für die Bürger wäre dies zunächst sehr schmerzlich. Im Falle des Erfolgs erhalte aber am Ende das Vertrauen der Investoren eine Stärkung. Eine Gefahr für eine entsprechende Umsetzung gehe jedoch von einem möglichen Widerstand der Bevölkerung aus. Zudem habe er zuletzt falsche Entwicklungen registriert. So hätten die Griechen in der Vorwoche Pensionen angehoben. Gleichzeitig schraubten Portugal und Spanien ihre Defizitprognosen nach oben. Von diesen beiden Ländern gehe im Vergleich zu Griechenland eine deutlich höhere Gefahr aus. So vor allem wegen dem möglichen Verlust von Forderungen ausländischer Banken. Im Bereich von Griechenland beziffere sich das Forderungsvolumen ausländischer Geldhäuser auf 23 Milliarden Dollar. In Portugal und Spanien liege dieser Betrag jedoch bei 196 Milliarden Dollar sowie 800 Milliarden Dollar. Ein Staatsbankrott Spaniens würde daher die Märkte viel härter treffen als es durch die internationale Finanzkrise geschehen ist. Die spanische Politik sei daher aufgefordert sich der Realität zu stellen, aber Ministerpräsident Zapatero habe bislang nichts getan. Der Euro werde dem Absturz preisgegeben, falls keine Regelung über eine Auffangung von Staaten der Eurozone erfolgt. Falls nichts geschieht erhalte der Maastrichter Vertrag einen Tritt mit Füßen.
Ein Absturz des Euro ähnlich wie beim britischen Pfund im Jahr 1992 könne entstehen, falls sich die fundamentale Situation in der Eurozone nachhaltig signifikant verschlechtert. So etwa durch eine weitere Aushöhlung des Maastrichter Vertrags. Davon gehe er aber nicht aus. Im übrigen sei der Euro eine starke Währung, der aber eine niedrigere Bewertung verdient, führte Redeker weiter aus.

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