Müssen wir uns um China Sorgen machen?

Kategorie: boerse-go: Research | z externer Content Analyse Konjunktur | Datum: 01.12.2011

Heute morgen wurden in Peking die wichtigen PMI-Indikatoren zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage im Reich der Mitte bekannt gegeben. Diese präsentierten sich sehr schwach: Sowohl der offizielle PMI der China Federation of Logistics and Purchasing als auch der HSBC Manufacturing PMI signalisieren für den Monat November einen Rückgang der Wirtschaftsaktivität und stehen mittlerweile auf ihren niedrigsten Ständen seit Anfang 2009. Hatten die Vorboten dieser Abschwächung bereits im Oktober weltweit die Anleger beunruhigt, werden die Novemberergebnisse von der Hoffnung auf einen Regimewechsel der chinesischen Zentralbank überstrahlt.

Die chinesischen PMI-Daten für den Monat November markieren ihre niedrigsten Stände seit Anfang 2009. Der offizielle PMI der China Federation of Logistics and Purchasing fiel im November auf 49,0 Zähler und damit unter die nach mechanistischer Lesart wichtige 50-Punkte-Marke. Der Rückgang auf 50,4 Punkte im Vormonat hatte die Märkte bereits global belastet. Noch stärker deutet der HSBC Manufacturing PMI auf einen Rückgang des Wirtschaftswachstums in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft hin. Für den Monat November präsentierte sich der finale Wert mit 47,7 Punkten noch einmal etwas schwächer als die vorläufige Lesung vom 23. November (48,0 Zähler). Der Oktoberwert lag hier noch bei 51,0 Punkten. Die HSBC-Umfrage hat einen stärkeren Fokus auf kleine und mittelgroße Unternehmen im Reich der Mitte und deutet damit auf eine Belastung genau der Betriebe, die die chinesische Regierung in den letzten Monaten unterstützen wollte. Ein wesentlicher Grund für diese Rückgänge ist schnell lokalisiert: So schwächt sich die Exportnachfrage immer weiter ab (die offizielle PMI-Zahl zu neuen Exportbestellungen fiel von 48,6 auf 45,6 Punkte). Aber auch auf dem chinesischen Heimatmarkt zeichnen sich die Ausläufer einer lang anhaltenden Inflationsbekämpfung und düsterer globaler Konjunkturaussichten weiter ab: Von den anderen zehn Subindizes sind acht (zum Teil sehr deutlich) gefallen.

Mit der gestrigen Ankündigung, dass zum 5. Dezember diesen Jahres die Mindestreserveanforderungen um 50 Basispunkte auf 21% gesenkt werden, signalisiert Peking durch die Zentralbank – die People’s Bank of China (PBOC) – ein weiteres Mal, dass die Inflationsbekämpfung im Reich der Mitte nicht mehr das alleinige Fokusthema der Entscheidungsträger ist. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe, dass diese Stellschraube das erste Mal seit drei Jahren gelockert würde, überraschte einige Marktbeobachter und sorgte somit für eine positive Reaktion. Dies nicht nur in China: Insbesondere an den europäischen Börsen wirken monetäre Expansionen in der Volksrepublik durchaus stimulierend. Haben sich doch in der jüngeren Vergangenheit – nicht erst durch die heutigen PMI Daten – mehr und mehr Sorgen breit gemacht der chinesische Wachstumsmotor könne ins Stottern geraten. Und das Timing der chinesischen Entscheidungsträger – es darf durchaus als gegeben angesehen werden, dass die PBOC keine Alleingänge ohne Rücksprache mit der Regierungsriege unternimmt – ist aus doppelter Hinsicht passend. China war somit erstens Vorbote für eine koordinierte Lockerungspolitik der westlichen Zentralbanken und stimmte die Märkte bereits gestern Vormittag positiv ein. Zweitens entzündete Peking bereits ein Gegenfeuer für die zu erwartenden schwachen PMI-Zahlen. Die Strategie scheint bisher aufzugehen. Grund dafür dürfte weniger die Lockerung der Mindestreserve um 50 Basispunkte als vielmehr die Tatsache sein, dass nun vielfach davon ausgegangen wird, dass im Falle einer drohenden harten Landung Chinas – ausgedrückt z.B. durch deutlich unter 7% fallende Wachstumsraten – die chinesische Regierung den Geldhahn aufdreht, hierbei auch die Leitzinssätze nicht unangetastet lässt, und somit den Einbruch abwendet; dies mit allen positiven Auswirkungen für die globale Konjunktur!

Nach unserer Einschätzung befindet sich China aber eher in einer Phase der weichen Landung und wächst nach wie vor mit einem enormen Tempo. Zwar stellt sich seit einigen Monaten eine Abkühlung der Wachstumsdynamik ein. Im III. Quartal 2011 hatte das Reich der Mitte ein Wachstum von 9,1 % Y/Y zu verzeichnen. Für das IV. Quartal gehen wir nur noch von 8,4 % Y/Y aus. Hier allerdings einen Wirtschaftseinbruch herbeizureden oder gar von einer Trendwende zu sprechen wäre verfrüht. Sicherlich sieht sich das Reich der Mitte zunehmend größeren Gegenwinden ausgesetzt, doch darf nicht vergessen werden, dass Peking bereit ist, bewusst niedrigere Wachstumsraten in Kauf zu nehmen, um auf einen nachhaltigeren Aufstieg der eigenen Volkswirtschaft zu setzen. Hierzu zählen hohe Inflationsraten genauso wenig wie Wachstumsbeiträge, die allein durch Exporte oder die Bauindustrie geleistet werden. Im wichtigen zwölften Fünfjahresprogramm für die Jahre 2011 bis 2015 formuliert die Parteiführung ein Wachstumsziel von durchschnittlich 7% pro Jahr. Das Wachstum ist also deutlich über Plan. Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die aktuelle, im Jahr 2012 aus dem Amt scheidende Parteispitze – wie in den Jahren zuvor – die Planziele deutlich übertreffen will, um seinen Nachfolgern ein geordnetes Haus zu übergeben.

Mit Spannung sind auch die Ergebnisse der Anfang September statt findenden ökonomischen Jahreskonferenz (Central Economic Work Conference) zu erwarten. Historisch werden auf dieser Tagung Prioritäten der wirtschaftspolitischen Ausrichtung für das Land mit 1,3 Mrd. Einwohnen formuliert. So hatten sich beispielsweise die hochrangigen Offiziellen im Dezember 2010 darauf geeinigt, dass der Inflationsbekämpfung in 2011 der absolute Vorrang zu geben ist. Für 2012 dürfte diesem Themengebiet nicht mehr die gleiche Prominenz zuteil werden. Vielmehr werden strategische Neuausrichtungen wie das oben genannte nachhaltige Wachstum, die Internationalisierung der eigenen Währung oder der Abbau von Ungleichgewichten im Fokus stehen. Doch auch die immer stärker auf die Stimmung drückenden Herausforderungen am aktuellen Rand, wie die Abnahme der chinesischen Geschäftstätigkeit, die Gefahr von Preisblasen oder der Umgang mit den Verschuldungskrisen in den wichtigen chinesischen Exportmärkten werden hier auf der Tagesordnung stehen. Die aktuellen Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaftsaktivität dürften bereits in diese Richtung gehen.

Der chinesische Wachstumsmotor läuft weiter auf Touren, wenn vielleicht auch zeitweise etwas weniger dynamisch. Externe Belastungen, wie die sich eintrübenden Wachstumsaussichten in der Eurozone, aber auch die Auswirkungen einer konsequenten Inflationsbekämpfung werden zunehmend schlagend. Die Senkung der Mindestreserve stellt ein wichtiges Signal dafür dar, dass Peking bereit ist zu handeln. Allerdings sollte hier noch nicht von einem nachhaltigen Regimewechsel hin zu einer expansiven Geldpolitik gesprochen werden. Als zu hoch dürften die Entscheidungsträger noch die Gefahr eines neuerlichen Anziehens der eingedämmten Inflation oder auch eines Wiederaufblähens der Immobilienblase sehen. Peking wird den Kurs einer pointierten Geld- und Fiskalpolitik vorerst beibehalten. Mit der Senkung der Mindestreserve wurde wieder einmal taktisches Geschick bewiesen und gezeigt, dass China stets für eine Überraschung gut ist!

Quelle: Nord/LB

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