Märkte lassen sich von "Botox-Economy" nicht täuschen

Kategorie: Fonds-News | Datum: 13.07.2012

Frankfurt (BoerseGo.de) – Nach Ansicht von Ad van Tiggelen, Senior Investment Specialist bei ING Investment Managers, setzen die Euro-Länder quantitative Lockerungen (QE) ein wie Privatleute Botox, um ihre Falten zu verschleiern. Dennoch würden die Finanzmärkte sich nicht so leicht zum Narren halten lassen.

Nach knapp siebzig Wachstumsjahren sind die westlichen Volkswirtschaften inzwischen spürbar gealtert. Sie müssen eine historisch hohe Schuldenlast tragen und mit einer ungünstigen demografischen Entwicklung fertig werden. Dadurch verlieren sie ihr natürliches Wachstumspotenzial, das einst von einer jungen Bevölkerung und einer einfachen Schuldenfinanzierung ausging.

Nun folge laut dem Experten die "Botox-Economy". „Dies spiegelt sich nicht nur im weitverbreiteten Einsatz des Quantitative Easing wider, sondern auch im Tenor der Konjunkturprognosen westlicher Regierungen“, so van Tiggelen. So werde allgemein von einem Rückgang der Haushaltsdefizite auf null bis etwa 2017 ausgegangen – aber nur unter der Annahme, dass sich das reale Wachstum bis dahin jährlich auf mindestens zwei Prozent beläuft. Dasselbe gefährliche Wunschdenken sei unter Finanzanalysten verbreitet, die weiterhin für 2013 mit einem Wachstum der Unternehmensgewinne um rund zehn Prozent rechnen – ein Ziel, das van Tiggelen zufolge wohl kaum erreicht werden wird.

Aktienmärkte hätten sich trotz der rosigen Analystenprognosen bereits auf ein schwaches oder Nullwachstum eingerichtet, so der Investmentspezialist weiter. Und für qualitativ hochwertige Unternehmen – also internationale Konzerne mit einem globalen Markennamen und einer soliden Bilanz – werde zunehmend ein Bewertungsaufschlag fällig, meint van Tiggelen. „Der Bewertungsaufschlag von US-Aktien gegenüber europäischen Werten hat nahezu ein Rekordniveau erreicht, obwohl die finanzielle Situation der US-Regierung in vielerlei Hinsicht noch ungünstiger zu sein scheint als diejenige des Euroraums insgesamt.“ Der Grund liege darin, dass die Anleger wüssten, dass die US-Wirtschaft nicht nur in demografischer Hinsicht jünger ist, sondern dass die US-Wirtschaft auch über die zugrundeliegende Flexibilität verfügt, um sich erforderlichenfalls zu verjüngen. Darüber hinaus sehen zahlreiche Anleger aus den USA und Asien ein Auseinanderbrechen des Euroraums bereits als unvermeidlich an.

„Irrationalerweise fordern die Finanzmärkte zwar einerseits lautstark mehr 'Botox', scheinen andererseits aber am wenigsten auf seine Wirkung zu vertrauen“, so van Tiggelen. Vorsichtige Anleger ginger daher zunehmend zu Strategien über, die eher den Wert ihres Vermögens tatsächlich schützen als eine hohe Rendite erwirtschaften. Sie würden damit implizit anzeigen, dass sie die Folgen eines Alterungsprozesses akzeptierten, den die politischen Verantwortungsträger verzweifelt mittels "Botox" bekämpfen wollen.

„Angesichts der beträchtlichen Ausweitung der Zentralbankbilanzen, die durch all diese Liquiditätsspritzen eingetreten ist, diversifizieren kluge Anleger ihr Vermögen auch über verschiedene Währungen und Assetklassen hinweg“, so van Tiggelen abschließend. Zwar rechne er nicht damit, dass bald Inflationsdruck auftritt, nominale Vermögenswerte sollten aber auch bei risikoaversen Anlegern das Portfolio nicht vollständig dominieren. Reale Vermögenswerte (wie Aktien, Immobilien und Gold) sollten ebenfalls eine Rolle spielen. Solche Vermögenswerte seien zwar nicht immer attraktiv, heißt es, aber die durch "Botox" verjüngte Schönheit dürfte sich bald als "vergängliches Phänomen" erweisen.

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Über den Autor:

Bernd Lammert,
Redakteur

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