Hybridmarkt Öl - Swap Dealer am Ruder
Kategorie: Kolumnen Rohstoffe Extern | Fundi Trackbox | Datum: 17.02. 10:48
Vorab ein paar Worte zu einem grundsätzlichen Problem bei der Analyse der Ölpreise: Der Ölmarkt ist ein Hybridmarkt, der Merkmale eines Rohstoff- und eines Finanzmarktes aufweist. Wir haben es also mit sehr unterschiedlichen Akteuren zu tun, die ihre Entscheidungen an einer Vielzahl von Ölpreismodellen orientieren. Ich erkenne zur Zeit 14 wichtige Preismodelle, die sich in fünf Gruppen zusammenfassen lassen:
- Fundamentalmodelle, die sich an unterschiedlichen Datensätzen aus dem physischen Ölmarkt orientieren
- Terminmarktmodelle, die sich mit Kontraktpositionen und Time Spreads ("Contango") beschäftigen
- Makromodelle, die den Ölpreis aus der allgemeinen konjunkturellen Entwicklung oder aus dem Money Supply ableiten
- Portfoliomodelle, in denen Ölinvestments aus einer breiteren Portfoliostrategie abgeleitet werden
- Technische Modelle, die den zukünftigen Ölpreis aus Trend-, Chart- oder Korrelationsmodellen folgern.
Die Gewichtung und Stärke dieser Modelle ändert sich pausenlos. Für den Trader bzw. den Analysten stellen sich nun zwei Fragen:
Welche Konstellation liegt momentan vor?
Wo gibt es Preisverzerrungen durch argumentativ anfällige Positionen oder verzögerte Anpassungen an Marktentwicklungen?
Ein gutes Beispiel für Verzerrungen und Verzögerungen liefert die Betrachtung spekulativer Positionen (vgl. Chart). Mitte Dezember setzte eine spekulative Welle ein, die vor allem von Hedge Fonds getragen war. Sie war argumentativ schlecht begründet, konnte sich aber in den umsatzschwachen Tagen um die Weihnachtszeit durchsetzen. Zahlreiche Fonds, die lediglich Trendfolgesysteme nutzen, schlossen sich an. Der Trend nährte den Trend und katapultierte den Rohölpreis in drei Wochen von 70 $/b bis auf 84 $/b Anfang Januar. Die Money Manager ließen sich weder vom verschlechterten Marktsentiment (u.a. Eurokrise, chinesische Geldpolitik) noch von den bereits wieder fallenden Ölpreisen irritieren. Sie hielten eine extrem starke Longpositionierung aufrecht, obwohl ein Kurswechsel überfällig war. Anfang und Mitte Januar war also für gut informierte Trader ein optimaler Zeitpunkt für eine Shortposition, trotz Kältewelle und China-Euphorie.
Die spekulative Welle brach schließlich zusammen, wobei der vierte und fünfte Februar Kapitulationstage waren, die den Ölbörsen Rekordumsätze beschwerte. Charttechnisch ist die Situation mit Anfang Dezember, Ende September oder auch Anfang Juli 2009 vergleichbar. In allen Fällen stand nach dem technischen Zusammenbruch spekulativer Positionen eine Trendwende nach oben unmittelbar bevor. Das kurzfristige Chartbild legt zwar eine Fortsetzung des Abwärtstrends nahe, doch sind die Preise aus mittelfristiger Sicht charttechnisch und ölpolitisch gut unterstützt.
Das Schaubild zeigt, dass die Hedge Fonds jetzt wieder eine durchschnittliche Netto-Longposition haben. Das hätte angesichts des schwachen Makroumfeldes einen Zusammenbruch der Rohölpreise ausgelöst, wenn nicht Swap Dealer, also Banken, ihre Long-Position im Gegenzug extrem stark ausgebaut hätten. Die spekulative Welle der Hedge Fonds ist zusammengebrochen, nachdem ihr Anfang Januar knapp über 80 $/b die Luft ausgegangen war, aber frische Gelder der Index-Investoren und wohl auch der Eigenhandel der Banken sorgen aktuell für eine Trendwende der Rohölpreise nach oben. Der Einstieg in die Assetklasse Rohöl wurde in zahlreichen Research Notes der Banken auch argumentativ vorbereitet. Anders als von Mitte Dezember bis Mitte Januar werden die Preise also aktuell eher von den Banken als von den Hedge Fonds gestützt.
Charttechnisch fallen vier Orientierungsmarken ins Auge:
- Einerseits der längerfristige Aufwärtstrend seit März 2009, dessen Kette aus Higher Highs und Higher Lows ungebrochen ist. Erst bei WTI-Preisen unter 69 $/b gerät er in Gefahr.
- Andererseits der kurzfristige Abwärtstrend seit Anfang Januar, der erst bei Preisen über 77 $/b an Gewicht verliert.
- Die aktuellen Preise befinden sich unter dem Doppeltop von 82 bzw. 84 $/b und über der starken Widerstandszone, die sich im Korridor 65/70 herausgebildet hat.
- Die 200-Tages-Linie verläuft in der Nähe der aktuellen Preise: Für den aktuellen Märzkontrakt liegt sie bei 74,5 $/b, für die wichtigere Frontmonatskette bei 71,2 $/b.
Aus technischer Sicht scheinen die Rohölpreise also in der Gegend von 70 $/b gut abgesichert zu sein. Nach oben wird die Luft jenseits der 80 $/b sehr dünn. Hinzu kommt ein kalendarisches Argument: Schon seit sechs Jahren gilt die Regel, dass Rohölpreise ab dem Februar mit ihrem Anstieg beginnen, häufig nach einem schwachen Januar.
Ausblick: Diese Woche wird wohl ruhig beginnen, da die Märkte in China die gesamte Woche (Neujahr) und in den USA am Montag geschlossen bleiben. Das könnte zwar die Intra-Day-Volatilität erleichtern, sollte aber per saldo wenig bewegen. Erst am Mittwoch und Donnerstag stehen relevante Konjunkturdaten zur Veröffentlichung an. Der EIA-Wochenbericht kommt erst am Donnerstag.
Fundamental- und Makromodelle werden in den Perzeptionen der Öltrader dominieren, während Portfoliomodelle im Hintergrund bleiben. Einige Investmentbanken (Goldman, Barclays, BofA ML) setzen im Rahmen ihrer stark ausgebauten Long-Positionen auf einige der Fundamentalmodelle. In einer der nächsten Kolumnen werde ich auf die Stichhaltigkeit dieser Argumente eingehen.
Viele Banken rechnen mit einem unmittelbar bevorstehenden, steilen Ölpreisanstieg, während andere Analysten vorläufig stagnierende Preise erwarten. Auch die überaus einflussreiche chinesische Staatliche Planungskommission NDRC meldete sich zu Wort. Sie erwartet einen Durchschnittspreis von 80 $/b in diesem Jahr. Das sollte einen gewissen Sog auf die Preise ausüben, zumal China durch den flexiblen Aufbau seiner strategischen Ölreserven und durch Anpassungen in der inländischen Preispolitik den Weltmarktpreis immer wieder beeinflussen kann. Die Prognose Pekings lässt erahnen, dass die Schmerzgrenze über 80 $/b liegt.
Den verbleibenden Spielraum zwischen knapp unter 70 und knapp über 80 $/b loten immer wieder trend- oder korrelationsorientierte Hedge Fonds aus, die jedoch nicht in der Lage sind, eine Preisbewegung in Gang zu setzen, die länger als vier, fünf Wochen anhält. Der starke Abbau ihrer Longpositionen eröffnet ihnen allerdings wieder Möglichkeiten für einen neuen Anlauf auf die Marke von 80 $/b.
Die meisten Marktkommentare, wenn man von den Research Notes der Investmentbanken absieht, sind zur Zeit bearish gestimmt. Ein Preisniveau um die 74 $/b liegt nach meiner Auffassung in einer neutralen Zone, zumal auch die Charttechnik keine Richtung vorgeben kann. Daher haben wir in der vorletzten Woche unsere bearishe Preissicht aufgegeben. Angesichts der Pattsituation bei den Fundamental-, Trend- und Makromodellen sowie einer leicht bullishen Konstellation bei den Akteurspositionierungen erscheint nunmehr eine Seitwärts-/Aufwärtsbewegung wahrscheinlich.
Autor: Dr. Bukold
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