Freiwilliger Austritt? Das Währungslabor Griechenland vor der Explosion

Kategorie: MakroView: Fundamentaler Leitkommentar | Datum: 27.01. 15:35

Wenn man sich im Griechenland-Drama über eines wirklich nachhaltig wundern muss, dann ist es folgendes: Warum, oh Zeus, haben die Griechen nicht schon kollektiv ihre Konten komplett geplündert? Jedenfalls bis Ende 2011 haben sie es nicht getan. Eine Aufstellung der Einlagen im griechischen Bankensystem finden Sie hier. Die letzten Daten sind allerdings vom November. Die Einlagen von Unternehmen und Haushalten sind demnach zuletzt auf knapp 173 Mrd. EUR gefallen, ein Jahr zuvor lagen sie bei 209 Mrd. EUR. Ich bin schon sehr gespannt auf die neueren Daten, die dieser Tage erscheinen sollten.

Es vergeht seit Monaten fast kein Tag, an dem nicht irgendein europäischer Politiker das Euro-Aus Athens ins Spiel bringt. Heute brillierte z.B. der Unions-Fraktionsvize Michael Meister mit der Feststellung: "Wir können die Folgen abfedern. Wir wollen, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt, verlangen aber eigenen Einsatz. Nicht auszuschließen ist, dass das griechische Parlament einen freiwilligen Austritt beschließt".

Wie würden Sie angesichts der aktuellen Nachrichtenlage und derartiger Statements agieren, wenn Sie in Griechenland Geld auf dem Konto hätten? Es gibt nur eine rationale Entscheidung: Nur so viel auf dem Konto lassen wie zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwingend nötig, alles andere auf Auslandskonten sichern oder in Cash zuhause bunkern. Und zwar bis die Lage klar ist, was im Moment nun wirklich nicht der Fall ist. Das ist kein mangelnder Patriotismus, sondern intelligente Sicherung der eigenen Existenz.

Schon seit einiger Zeit erweckt die Politik den Eindruck, dass es nicht mehr darum geht, Athen um jeden Preis in der Euro-Zone zu halten. Europa und Griechenland verbindet momentan ja nicht gerade die große Liebe, beide Seiten sind sichtlich genervt voneinander, was die Reformen angeht passiert wenig und das Land schrumpft ökonomisch empfindlich vor sich hin. Dementsprechend wird auch der Ton rauer.
Selbst wenn an diesem Wochenende die langersehnte(?) Einigung zwischen Vertretern privater Gläubiger und der griechischen Regierung offiziell werden sollte, ist eigentlich noch überhaupt nichts gewonnen. Es ist völlig unklar, wie viele Gläubiger letztlich das Umtauschangebot in neue Anleihen annehmen werden. Selbst im Bestfall (100% Annahmequote) wird die Schuldenquote mittelfristig (bis 2020) lediglich auf 120% des BIP fallen, ein Wert auf derzeitigem italienischem Niveau. Nur dass Italien im Vergleich zu Griechenland ökonomisch schon fast Weltklasse da steht. Es ist also jetzt schon klar, dass das griechische Fass auch weiterhin ohne Boden sein wird. Und der Wille, das Fass trotzdem weiter zu füllen, schwindet.

Man sollte auch nicht unterschätzen, dass es von großem Wert ist zu beobachten was konkret passiert, wenn ein Euroland ausschert und die Währungsunion verlässt. Kommt es wirklich zur Massenpanik, wie oft befürchtet? Oder hat die lange Vorbereitungszeit dazu geführt, dass die Folgen tatsächlich durch ein Zusammenspiel von Regierungen und EZB einzugrenzen sind. Ist Griechenland letztlich so etwas wie ein großes Währungslabor, in dem ein historisches Experiment stattfindet, dessen Zeugen wir alle sind?

Der Ausgang ist schließlich nicht ganz unerheblich dafür, wie es in Zukunft mit dem Euro weitergehen wird. Führt ein möglicher griechischer Austritt zu massiven Verwerfungen, dann ist der Anlass endlich da, Maßnahmen einzuführen, die sich viele „Euro-Retter“ schon lange wünschen: neues Mandat für die EZB, Eurobonds, Wirtschaftsregierung und und und…Lange müssen wir sicher nicht mehr warten, der Februar dürfte der Monat der Entscheidung sein. Allerletzte Deadline ist der 20. März: dann werden 14,5 Mrd. EUR nominal in griechischen Staatsanleihen fällig. Kalinichta!

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