„Das heiße Geld ist nun draußen aus dem russischen Markt“
Kategorie: Fundamentalanalyse / Research | Asien-News | Top-Artikel | Datum: 20.02.2009
Wir erwarten eine abrupte Wachstumsabschwächung mit Potential für "Negativwachstum" im ersten Halbjahr 2009. Ein starker fiskalischer Stimulus (im Bereich von bis zu zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes) wird im Verlauf der zweiten Jahreshälfte zu einer Stabilisierung des wirtschaftlichen Umfeldes führen. Diesem Szenario liegt ein durchschnittlicher Ölpreis von 45 Dollar je Barrel zu Grunde.
Wie groß sind die Risiken, dass der wirtschaftliche Abschwung stärker als derzeit angenommen ausfallen wird?
Russland ist eindeutig eine rohstoffdominierte Volkswirtschaft, aber das hohe Potential im Bereich von fiskalischer Stimulierung der Wirtschaft verringert die direkte Abhängigkeit der Wirtschaft von Rohstoffpreisen in der mittleren Frist. Wir gehen daher davon aus, dass die Risken im längerfristigen Bereich liegen. Das heißt, sollten wir über die nächsten ein bis zwei Jahre Erdölpreis unter 35 Dollar sehen, werden die Mittel (derzeit ca. 380 Mrd. Dollar in Währungsreserven und Infrastrukturfonds – rund 35 Prozent des Bruttoinlandsproduktes 2008) nach rund zwei Jahren aufgebraucht sein werden, was längerfristig schwaches bzw. Nullwachstum bedeuten würde. Trotzdem muss unbedingt hervorgehoben werden das Russland in Vergleich zu vielen anderen Volkswirtschaften sehr gute Aussichten hat - eben weil der Staat de facto unverschuldet ist und in Krisenzeiten, wie man sie derzeit sieht, großzügig Reserven anzapfen kann.
Viele Marktteilnehmer verstehen die Politik nicht, die Russland betreibt (Georgien-Krieg, Gaskonflikt mit Russland, harte Rhetorik gegenüber dem Westen). Können Sie uns verständlich machen, warum die Russen so agieren, wie sie es tun?
Ganz klar: die Außenpolitik Russlands wird vom Großteil der restlichen Welt – zu Recht - als zunehmend aggressiv eingestuft. Das erhöht die Risikoprämie erheblich und erklärt zu einem gewissen Grad auch die Underperformance Russlands im Vergleich mit vergleichbaren Emerging Markets. Man muss allerdings differenzieren:
1) Der Georgienkonflikt und der Gasdisput sind separat zu beurteilen, wir glauben nicht, dass beide Konflikte untereinander vergleichbar sind oder als Teil einer großen außenpolitischen Strategie zu sehen sind.
2) In Bezug auf Georgien muss man verstehen, wie Russland die eigene strategische Rolle im Kaukasus interpretiert: nämlich historisch. Anwendung der historischen Methode lässt folgende Schlussfolgerung zu:
a) Russlands Südflanke am Kaukasus ist potentiell ein "Pulverfass" mit Implikationen für das gesamte restliche Land. (zivile Unruhen, Auseinandersetzungen verschiedener Minderheiten untereinander, Terrorismus) - die Erfolgbringende Methode war bis dato immer Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren
b) Der Kreml rechnet damit, dass Stärke und Entschlossenheit in einem territorial begrenzten, beherrschbaren Konflikt Zuspruch in weiten Teilen der russischen Bevölkerung finden und von anderen Problemen (Inflation, Arbeitsplätze, Ausbildung, Gesundheitswesen) ablenken.
c) Russland definiert sich nach der demütigenden Erfahrungen nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder als regionale –vielleicht sogar als globale - Supermacht. Das starke Wirtschaftswachstum und die hohen Fremdwährungsreserven taten das ihrige, um auch alte Großmachtsträume wieder aufkommen zu lassen. Ein positiver Effekt einer langfristigen Normalisierung von Rohstoffpreisen könnte sein, dass sich dieser Anspruch wieder relativiert. Wir sind generell der Meinung, dass der optimale Ölpreiskorridor für Russland weit unter 100 Dollar liegt, vielleicht zwischen 70 und 80 Dollar, um Überhitzungstendenzen jedweder Art zu vermeiden.
3) Der Gaskonflikt mit der Ukraine ist unserer Meinung nach ökonomischer Natur und ist wahrscheinlich von beiden Seiten in gleichen Maßen provoziert worden. Die starke Verfilzung von Politik und Wirtschaftinteressen innerhalb der wirtschaftlich schwer angeschlagenen Ukraine lassen kurzfristige Cashflow-Optimierung für viele der handelnden Personen wichtiger erscheinen als die langfristige Sicherung der europäischen Energieversorgung. Die Verlässlichkeit Russland als Energielieferant für Europa hat gelitten, eine gleichzeitig laufende professionelle PR-Kampagne konnte noch größeren Imageschaden zumindest vermindern. Klar ist, dass Russland erstens mittel- bis langfristig alternative Transportrouten (Ostsee etc.) aufbauen wird, um die Abhängigkeit von der Ukraine bedeutend zu verringern. Zweitens, dass Europa viel daran setzen wird, die Abhängigkeit von sibirischem Gas zu verringern und nach einer Diversifizierung der Gaslieferungen trachten wird. Drittens, dass Russland Europa als Abnehmer (und Devisenlieferant) genau so dringend braucht wie umgekehrt und erst sehr langfristig mit China neue Abnehmer finden wird. Es wird daher zu einer Wiederannäherung in der Energiefrage kommen. Viertens, dass die Ukraine langfristig einen extrem wichtigen Devisenbringer (nämlich Gastransit-Tarife) und seinen Status als Transportland verlieren wird.
Russland ist für Bürger wie kritische Journalisten oder Rechtsanwälte ein lebensgefährlicher Ort. Sie laufen Gefahr, ermordet zu werden, ohne dass die wahren Mörder gefunden werden. Ist das ein Umfeld, in dem Anlegergeld gut aufgehoben ist?
Diese Frage muss umfassend beantwortet werden: Tatsache ist, dass demokratische Strukturen in vielen Teilen der Emerging Markets noch im entstehen sind. Russland ist in dieser Hinsicht unserer Meinung nach nicht als Schlusslicht zu bezeichnen. Die historische Betrachtung zeigt, dass solche Strukturen über die Zeit entstehen müssen, eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes zusammenhängen und nicht von außen auferlegt werden können.
Investoren tragen in vielen Fällen zur wirtschaftlichen Entwicklung und - wie wir hoffen - auch zum kulturellen Austausch bei. Wir verneinen als Investoren unser ethische Verantwortung nicht, sind aber der Meinung, dass der langfristige Erfolg in Zusammenarbeit und nicht in Ausgrenzung liegt.
Die Kapitalflucht hat zuletzt wieder deutlich zugenommen. Warum sollten Ausländer investieren, wenn offenbar selbst die Russen ihr Geld abziehen?
Die Kapitalflucht hält sich in Grenzen, es handelte sich hauptsächlich um das Kapital internationaler Investoren, die Investments am russischen Aktienmarkt abziehen. Wir sind der Meinung, dass dieses "heiße Geld" nun aus dem russische Markt ist, der sich nun hauptsächlich aus wirklich interessierten Investoren zusammengesetzt. Was aber richtig ist, ist die Tatsache, dass die russische Bevölkerung und russische Betriebe aggressiv Rubel in Dollar und Euro konvertiert haben. Dies führte zu einer Reduzierung der Fremdwährungsreserven der Nationalbank auf zuletzt rund 180 Mrd. Dollar.
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Glauben Sie, dass die Verantwortlichen weise und angemessen auf die aktuelle Krise reagiert haben?
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Bild: ©iStockphoto.com/MCCAIG
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