Von Tommy Stubbington
Der überraschende Schritt der Europäischen Zentralbank, für Einlagen der Banken bei ihr keine Zinsen mehr zu zahlen, zeigt am europäischen Anleihemarkt deutlich Wirkung. Die Renditen von einigen deutschen Anleihen sind erstmal seit Anfang Juni wieder ins Minus gerutscht. So sank die Rendite für die zweijährige Schatzanweisung im frühen Handel am Freitag auf minus 0,01 Prozent. Einige Anleger sind offenbar so besorgt um die Sicherheit ihrer Geldanlage, dass sie auch nicht die Aussicht schreckt, dafür noch etwas extra auf den Tisch legen zu müssen.
Bei spanischen und italienischen Anleihen lässt sich dagegen der entgegengesetzte Effekt beobachten. Hier steigen die Renditen seit Bekanntwerden der EZB-Beschlüsse wieder. Darin spiegelt sich die Enttäuschung der Investoren wider, die sich von der EZB weitreichendere Maßnahmen versprochen hatten als die bloße Zinssenkung. Die Rendite für die zehnjährige Anleihe Spaniens liegt mit mittlerweile wieder 6,91 Prozent bedrohlich nahe an der 7-Prozent-Marke. Die Rendite der Pendants aus Italien steigt um 8 Basispunkte auf 6,03 Prozent zulegt. Die Kursgewinne nach den Beschlüssen des EU-Gipfels insbesondere zur direkten Finanzierung der Banken durch den Rettungsschirm ESM in der vergangenen Woche, die die Renditen deutlich gedrückt hatten, sind damit wieder komplett ausgelöscht worden.
Die am Donnerstag von der EZB beschlossene Senkung des Leitzinses um einen Viertel Prozentpunkt auf das Rekordtief von 0,75 Prozent war weithin erwartet worden. Dass auch der Einlagensatz - der Zins, den die Zentralbank für Geld zahlt, das die Banken über Nacht bei ihr parken - auf jetzt Null gesenkt wurde, war jedoch eine kleine Überraschung.
Die EZB hofft damit, dass die Banken endlich dazu übergehen, ihr Kapital stärker untereinander oder an Geschäfts- und Privatkunden zu verleihen. Der Erfolg könnte aber ausbleiben, wenn die Banken stattdessen ihr Geld in kurzfristig sichere Anlagen stecken, sagen die Zinsanalysten der Rabobank. "Viele Banken weigern sich weiter, Banken aus der Eurozonen-Peripherie Geld zu leihen, solange sie sich um deren Solvenz und die Wirtschaft ihrer Länder sorgen müssen. Hinzu kommt viel Unsicherheit um die künftige Bankenregulierung und die Zukunft des Euro", sagen sie.
Deutsche Staatspapiere profitieren nach der EZB-Entscheidung damit von einer erneuten Flucht in Sicherheit. Anfang Juni hatte schon einmal eine von massiven Sorgen um die Zukunft der Eurozone ausgelöste Welle die Rendite für Schatzanweisungen für kurze Zeit ins Minus gedrückt.
Diesmal zögen nervöse Investoren, die auf weitere unkonventionelle Maßnahmen der Notenbank gehofft hatten, ihr Kapital aus spanischen und italienischen Anleihen ab und investierten es stattdessen in deutsche Anleihen, heißt es. Spekuliert wurde etwa um einen weiteren Dreijahrestender. Mit diesen hatte die EZB bereits Ende des vergangenen und zu Beginn dieses Jahres insgesamt rund eine Billion Euro Liquidität in die Banken gepumpt und zumindest zeitweise für Erleichterung in der Bankenwelt und vor allem auch am Anleihemarkt gesorgt. Seinerzeit sank die Zehnjahresrendite spanischer Anleihen auf unter 4,7 Prozent. Die Rendite der nun ins Minus gerutschten Budesschatzanweisungen lag damals bei etwa 0,20 Prozent.
"Es war eine deutliche Enttäuschung darüber zu spüren, dass keine unkonventionellen Maßnahmen angekündigt wurden. Dass es keinen neuen Langfristtender gibt, nicht einmal einen Plan dafür, wird für die (Eurozonen-)Peripherie und die Risikomärkte als negativ gewertet", sagen die Zinsanalysten der Royal Bank of Scotland.
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